Als am Morgen des 14. April 1962 bei meiner Mutter die Wehen einsetzten, erwartete sie eine normale Hausgeburt, wie zuvor bei meinem Bruder und meiner Schwester. Meine Eltern und Geschwister lebten zusammen mit meinen Großeltern und meiner ledigen Tante in einem Haus. Es gab ein Plumpsklo im Hof und einen Ölofen im Bad, der immer samstags zum Baden angeheizt wurde. Ein eigenes Telefon hatten wir nicht. Deshalb lief mein Vater zu den Nachbarn und rief von dort aus die Hebamme an.

Bei den anderen Entbindungen hatte er die Hebamme noch mit dem Traktor im nächsten Dorf Damshausen abgeholt. Zu meiner Geburt kam sie bereits mit dem eigenen Auto. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders. Die Menschen hatten Arbeit, bauten Häuser und kauften Autos. Sie schafften Geschirrspüler an, trugen Hemden aus Kunstfaser-Stoff und verehrten Freddy Quinn und Inge Meysel. Doch trotz aller Aufbruchsstimmung hatte der Weg in den Wohlstand auch seine Kehrseite: Vor allem die Frauen bogen sich unter der Last von Kindern, Haushalt und Arbeit. Man konnte es sich nicht leisten, wegen Schlafstörungen am nächsten Tag arbeitsunfähig zu sein. In Deutschland ging zu dieser Zeit jede dritte Frau abends mit dem Medikament Contergan ins Bett, das einen ruhigen Schlaf ohne Nebenwirkungen und toxische Belastung versprach. „Harmlos wie ein Zuckerplätzchen“, sollte es laut Hersteller sein. Am Anfang ihrer Schwangerschaft mit mir, hatte auch meine Mutter auf Anraten ihres Hausarztes ein paar Tabletten davon genommen. Sie dämpfte damit ihre anhaltenden Schmerzen von der anstrengenden Arbeit bei mehreren Landwirten im Dorf. Gleichzeitig hüllte eine Contergan-Pille sie endlich in den ersehnten traumlosen Tiefschlaf, den sie so bitter nötig hatte. Ein paar Mal hatte sie den Hausarzt gefragt, ob das Medikament in ihrem Zustand eingenommen werden dürfe. Und jedes Mal wies er sie darauf hin, dass es ausdrücklich für Schwangere empfohlen wurde und erfolgreich im Tierversuch getestet worden war. Im Vertrauen auf die Götter in Weiß schluckte sie einige Tabletten. Nicht viele. Doch genug, um mein Leben für immer zu verändern.

Ich wurde um 11.35 Uhr geboren. Meine Mutter merkte sofort, dass etwas anders war, als sonst. Denn nach der eigentlich problemlos verlaufenen Entbindung packte die Hebamme mich sofort in Decken ein, zeigte meiner Mutter mein Köpfchen und legte mich dann weg, „Das muss sich jetzt erholen“, sagte sie. „Lass es in Ruhe, das muss schlafen!“

Da war meine Mutter bereits hellhörig geworden. Sie hatte schon zwei Kinder bekommen und jedes Mal den Säugling im Arm halten dürfen. Warum wurde dieses Kind wie ein Bündel verschnürt und weggepackt?

Als die Hebamme den Raum verließ, um vom Nachbarn aus den Arzt anzurufen, hievte meine Mutter sich vom Bett hoch und ging hinüber zu der Wiege, in der ich lag. Sie wickelte die Decken auf und sah ein Baby mit sehr kurzen Armen und nur vier Fingern an jeder Hand. Zwei davon waren mit der Handfläche verwachsen. Was sie nicht sah, weil ich eine Windel trug, war, dass mein Darmausgang seitlich an der Hüfte lag. Und erst viel später sollten wir erfahren, dass sich auch meine Nieren an einer falschen Stelle im Körper befinden. Aber vorerst sah sie nur die kurzen Arme – und war geschockt. Meine Patentante erzählte mir später, dass meine Mutter bei meinem Anblick einen „argen Schreck“ bekommen hätte: „Ist ja auch klar. Da freut man sich auf ein Kind und dann passiert so was.“

Als die Hebamme mit dem Arzt eintraf, untersuchte er mich ausgiebig und sagte dann zu meiner Mutter: „Erna, wir wissen nicht, wie lange dieses Kind noch leben wird. Es ist besser, wenn du es gleich taufen lässt.“

Mein Vater arbeitete damals als Maurer auf einer Baustelle, doch mein Geburtstag war ein Samstag, deshalb war er zu Hause. Wahrscheinlich war er genauso erschrocken wie meine Mutter, als er mich sah, aber davon nahm kaum jemand Notiz. Mein siebenjähriger Bruder Friedhelm und meine vierjährige Schwester Gudrun wurden zu den Nachbarn geschickt. In Windeseile suchten meine Eltern nach schnell greifbaren Taufpaten. Eine davon war Mutters Cousine Hilde. Sie war erst 16 und machte gerade eine Ausbildung beim Friseur. Aber ihren Meister kannte jeder gut, der würde sie gehen lassen. Der andere war Vaters Cousin Kurt, der zwar auf einer Wochenend-Baustelle arbeitete, aber ebenfalls schnell Feierabend machen konnte. Er kam also direkt im Blaumann zu meiner Taufe. Hilde tauschte gerade noch ihren Friseurkittel gegen eine Jacke. Als alle eingetroffen waren, spendete mir der Pfarrer zu Hause in unserem Wohnzimmer die Nottaufe. Meine Paten wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal, was eigentlich mit mir los war. Sie sahen nur mein süßes, lebendiges Gesicht und fragten sich, was um Himmels Willen wohl unter den Windeln und Decken steckte, weil alles so schnell gehen musste.

Ich habe heute noch meine Taufurkunde von damals. Sie erinnert mich daran, dass jeder Tag, der seither vergangen ist, ein geschenkter Tag für mich war. Denn ich bin immer noch am Leben.